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Kafka und Goethe I
Dieser Eintrag stammt von admin Am 19.9.2009 @ 14:47 In Franz Kafka, Literatur des 20. Jahrhunderts, J. W. Goethe, Deutsch in der FOS | Kommentarfunktion deaktiviert
Kafka und Goethe I (20090915, Stephan Fröhder) Liebe Leser und Nutzer von justdoit! - Das Blog für die Fachoberschule Der folgende Beitrag wurde im Juni 2009 geschrieben und zuerst auf goethe2day.de - Das neue Goetheportal im Internet veröffentlicht. Mit den besten Empfehlungen - Stephan Fröhder, Redaktion justdoit!
Wer heute nach den hervorragenden Autoren und literarischen Themenstellungen der Deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts fragt, stößt bei den zeitgenössischen Werken auf erstaunliche Parallelen zur Literatur der deutschen Klassik und Romantik.
Wenn Karl Roßmann in Franz Kafkas gleichnamigem Roman nach Amerika reist, um in der “Neuen Welt” sein Glück zu suchen, fühlen wir uns - neben Max Frischs Stiller und Biografie - ein Spiel - auch an J. W. Goethes Faust erinnert, der mit der Hilfe des Teufels seine Persönlichkeit erneuern und sein Leben noch einmal beginnen darf.Auf den ersten Blick scheinen der neuzeitliche Gelehrte aus dem Studierzimmer in Goethes Faust und der halbwüchsige Exilant aus Franz Kafkas Amerika-Roman nicht viel miteinander zu tun zu haben. Es liegen zwischen der Dramen- und der Romanhandlung beinahe fünfhundert Jahre und auch die Entstehungszeit der beiden Werke unterscheidet sich um mehr als zwei Jahrhunderte. Außerdem ist Faust ein gesellschaftlich anerkannter Wissenschaftler und Lehrer, während Karl Roßmann ein beinahe unbeschriebenes Blatt zu sein scheint und man könnte ihn als unschuldig bezeichnen, wäre da nicht der kleine Skandal um sein Verhältnis zu einem Dienstmädchen und seine “Strafversetzung” zum Onkel in die USA.
Der Vergleich der beiden Werke lässt jedoch noch weitere signifikante Unterschiede erkennen: Karl befindet sich zu Beginn des Romans schon vor dem Tor zur “Neuen Welt” (Ankunft im Hafen von New York), während Faust zu Anfang von Goethes Drama erst nach dem Ausgang aus dem Studierzimmer zu suchen scheint. Dann jedoch gelingt Faust der Ausstieg in den Osterspaziergang (Szene “Vor dem Tor”), während Karl Roßmann wegen seines vergessenen Regenschirms in den Bauch des Überseeschiffes hinabtaucht, auf den Heizer trifft und, von ihm magisch angezogen, eine ganze Weile gefangengehalten wird.
Ob Karl mit dem Heizer eigentlich einen Vertrag geschlossen hat oder sich nur moralisch an dessen Schicksal gebunden fühlt - jedenfalls bricht wie Faust so auch Karl zum zweiten Mal auf, um sein Glück zu machen und scheint mit dem Leben bei seinem reichen Onkel zunächst das große Los gezogen zu haben. Das Wohlleben im Hause des Onkels findet jedoch in dem Augenblick ein jähes Ende, als Karl der Versuchung einer neuen Freundschaft nachgibt und der Onkel ihn dafür aus seinen Kreisen verbannt.
Auch hier stellt sich - ähnlich wie im “Faust” - die Frage, wer eigentlich von wem abhängig ist: … Faust vom Teufel, Karl Roßmann vom reichen Onkel?…(Der Beitrag wird fortgesetzt).
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